Reduktion

Viele Bilder sind überladen. Das Auge kann kaum wahrnehmen was das eigentliche Motiv sein soll. Unruhig wandern unsere Blicke über all die Gegenstände und Einzelheiten des Fotos und wir fragen uns: Was will uns der Fotograf sagen?

Ein Weg um zu einer klaren Bildaussage zu kommen ist die u. a. Reduktion.
Die Reduktion des Inhalts auf das Wesentliche.
In diesem Artikel geht es  darum, dass der wesentliche Bildinhalt die Farbe ist. Das Foto reduziert auf Farbe. Es spielt nicht so sehr eine Rolle, wer oder was im Bild gezeigt wird, sondern eher wie die Farben sich zueinander verhalten.

Newtons Farbkreis aus dem 18. Jahrhundert zeigt welche Farben miteinander harmonieren – die nebeneinander liegenden – und welche konkurrieren – die sich gegenüber liegen. Bereits in so früher Zeit beschäftigten sich Gelehrte und Künstler mit der Wirkung der einzelnen Farben zueinander und auf die menschliche Wahrnehmung.
 (Quelle Wikipedia)
Die gegenüberliegenden Farben werden Komplementärfarben oder auch Gegenfarben  genannt.
Es wirkt als starker Farbkontrast auf unser Auge und kann als interessant empfunden werden solange man es nicht übertreibt. Solche Elemente in ein Bild integriert können schlicht für den Hingucker sorgen – negativ aber auch das Auge vom eigentlichen Motiv ablenken. Dessen sollte man sich auch bewusst werden und deshalb versuchte ich mich in Bildern nur die Farben eine Aussage treffen zu lassen.

Wenn man einmal anfängt nach Farben zu suchen, dann wird man überrascht sein, wie viele Motive sich einem hier bieten. Man muss nur lernen genau hinzusehen und weniger einen bestimmten Gegenstand als mehr das Detail in dem Ganzen zu suchen.

Dieses Schutzeisen an der Hauswand verschwindet fast vollständig in der gewaltigen Farbpracht und trotzdem kann mit dem weißen Querstrich ein stilisiertes Kreuz ausgemacht werden. Gerade die Unterbrechung mit dem weißen Strich bringt noch Dynamik in das Bild in dem die Farben sonst miteinander harmonieren würden (Gelb und Rot sind im Farbkreis nicht weit auseinander).

Wieder hüllen farblich voneinander abgesetzte Flächen den Mittelteil des Bildes ein. Ein Bild von einer Dachrinne wäre wohl nicht sehr interessant – mit dem Spiel der Farben wird jedoch ein Hingucker daraus. Hier sind Gelb und Blau vertreten. Diese liegen sich im Farbkreis gegenüber und sind somit Komplementärfarben. Der Farbkontrast ist stärker als im Bild vorher.

Ein einfacher Aufbau – von jedem ganz einfach zu Hause nachzubauen: drei Blätter Papier, jeweils mit einer Farbe gefüllt unter ein Glas mit flachem Boden gelegt; Wasser ins Glas, ein paar Tropfen Speiseöl und schon kann losgeknipst werden. Viele verschiedene Variationen können gelegt werden und durch die Ölblasen im Wasser werden hier noch zusätzliche Kontrastpunkte gesetzt.
Hier noch ein Beispiel aus der Münchner U-Bahn. In der Station Marienplatz wird man von den ganzen orangen Fliesen förmlich erschlagen. Jedoch gibt es auch Bereiche, die blau gekachelt sind. Diese Übergänge bieten einen willkommenen Kontrast, da Orange und Blau im Farbkreis fast genau gegenüber liegen.

Zum Abschluss noch eine kleine Übung im Bezug auf Farben, Fantasie und bewusstes Sehen. Wenn man üben möchte, seinen Fokus zu schärfen, trainieren, das Wesentliche im großen Ganzen zu sehen, kann jeder für sich schon mal vor der eigenen Haustür anfangen. Übung ist notwendig – denn nur so kommen wir auch auf den Gedanken, Szenen und Alltägliches einmal mit anderen Augen zu sehen.

Folgende Szenerie bietet sich mir jedes Mal, wenn ich am Feierabend mit dem Bus nach Hause fahre.
Wer sieht in diesem Bild das Motiv? Auf den ersten Blick erscheint dieses Bild als heilloses Durcheinander und das Auge weiß nicht, was wichtig ist und was nicht. Ein paar Schritte näher dran bietet sich dann folgendes Bild:
Jetzt könnte man meinen, es geht um eine Seite im nächsten Gartenkatalog des Baumarktes, aber nein – mein Auge wurde von etwas ganz anderem angezogen.

Die Schilder an der Bushaltestelle haben es mir angetan. Das leuchtende Gelb brachte mich darauf, danach zu forschen, was denn wohl den größten Kontrast bieten würde und kam über den oben beschriebenen Farbkreis auf die Farbe Blau. Also zu Hause ein Blatt Papier komplett in Blau ausgedruckt und beim nächsten Mal hinter die Schilder gehalten – et voilá!

Noch ein bisschen mit Lage, Entfernung und Winkel experimentiert, hinterher ein bisschen beschnitten und bearbeitet und schon kann sich das Thema sehen lassen:

Die Bilder der Beispielserie wurden übrigens alle nur mit dem Handy aufgenommen und mit Lightroom mobile bearbeitet! Es braucht kein 1000-Euro-Equipment – es braucht Inspiration und Fantasie! Je mehr Bilder ich mir betrachte – ganz egal ob online oder auf Papier – desto mehr wird meine Fantasie angeregt. Bei Bildern, die mich ansprechen denke ich mir immer gleich „Wie hat der das gemacht?“
Ich dachte auch lange von mir, dass ich überhaupt nicht kreativ bin. Tatsache ist: Jeder kann es lernen kreativ zu sein. Übung macht den Meister! Und Üben heißt die Kamera auspacken und los! Nie war es einfacher als heute mit den Digitalkameras – keine Entwicklungskosten – keine Wartezeit – jeder kann nach ein paar Minuten am Bildschirm sehen, ob das Bild wirkt oder nicht.

Schluss mit Lesen! Raus jetzt – Spielen, probieren, experimentieren, sich was trauen… In diesem Sinne wünsche ich Euch für alle fantasievollen Projekte allzeit gutes Licht!

Werner Kutter