Zeitsprung

Habt Ihr Euch auch schon einmal gefragt, wie die Bilder gemacht werden in denen sich die Skyline vor dem farbenfrohen Himmel eines Sonnenuntergangs abhebt und gleichzeitig schon die Beleuchtung in der Stadt und den Büros brennt?  Wenn ja, dann seid Ihr hier richtig.

Das Geheimnis liegt nämlich darin, dass es mehr als eine Aufnahme braucht, um diese Szene zu erschaffen. Das wichtigste dabei ist, dass man für so ein Bild die Kamera an Ort und Stelle belässt und zu zwei verschiedenen Tageszeiten die exakt gleiche Aufnahme macht. Ich habe das dieses Jahr in Heidelberg gemacht und hier ist das Ergebnis:

Das schwierigste dabei war tatsächlich, sich zusammenzureißen und die Kamera stehen zu lassen. Ich bin es auch gewohnt, mit der Kamera unterschiedlichste Ansichten und Blickwinkel festzuhalten. Doch diese Technik verzeiht keinen Positionswechsel. Der Bildausschnitt muss absolut übereinstimmen.

Ich machte eine Aufnahme zum Sonnenuntergang, schön mit Blende 22 für den Sonnenstern:

Der Vordergrund und die Burg waren mir hier eindeutig zu dunkel. Klar könnte man auch ein HDR anfertigen und die Tiefen so retten, doch mir kam eine bessere Idee.

Dazu hieß es geduldig bleiben und darauf warten, dass in der Stadt die Lichter angehen und ein weiteres Bild mit dem gleichen Ausschnitt machen, welches den Vordergrund richtig belichtet rüberbringt:

Hier reicht auch Blende 11 oder 13 – bei Weitwinkelaufnahmen ist die Bildschärfe bei mittleren Blendenöffnungen am besten. Die längere Belichtungszeit in der Dunkelheit hat auch noch den schönen Nebeneffekt, dass in meinem Beispiel der Neckar jetzt etwas glatt gezogen wird und nun für meinen Geschmack besser aussieht, als mit den ganzen Wellen.

Beide Bilder habe ich zuerst in Lightroom „entwickelt“, da ich im RAW-Format meine Bilder aufnehme. Anschließend werden beide im Photoshop als Ebenen geöffnet und liegen somit übereinander.
Als Grundlage nehme ich das Bild vom Sonnenuntergang in welches ich dann die Lichter der Stadt „hineinmalen“ werde.

Das Bild von der blauen Stunde wird mit einer schwarzen Ebenen Maske versehen und nur die Bereiche, welche sichtbar sein sollen, werden mit einem Pinsel und der Vordergrundfarbe Weiß von der schwarzen Maske befreit. Der Pinsel sollte möglichst weich sein und die Deckkraft kann ruhig auf 25% reduziert werden so dass der Effekt nicht sofort voll durchscheint. Je nach Bedarf dann einfach mehrfach über die Stelle malen, bis die gewünschte Stärke erreicht ist.

Wenn man beide Ebenen einblendet, so ist die Stadtansicht mit dem weich gezeichneten Wasser und der Straßen- und Schlossbeleuchtung auf dem Bild des Sonnenuntergangs sichtbar geworden. Beide Ebenen werden zu einer Ebene verschmolzen mit der Tastenkombination
„Shift – Strg – Alt – E“ (alle vier Tasten gleichzeitig drücken!)

Auf dieser Ebene können jetzt noch finale Korrekturen die das gesamte Bild betreffen, wie z. B. Sensorflecken entfernen usw., durchgeführt werden.

Diese Technik lässt sich auf viele andere Bereiche übertragen. So können z. B. auch sog. Levitationsbilder gemacht werden. Erst die leere Szene fotografieren und dann eine Person (auf einem Hocker o. ä.) ablichten und dann beides kombinieren – nur ohne die Stuhlbeine. Schon sieht es aus, als ob die Person schwebt. Mit mehreren Bildern derselben Szene lassen sich auch einfach Menschen aus dem Motiv entfernen, wenn sie sich zwischen den Aufnahmen bewegen. Einfach den gewünschten Bereich mit einer Ebene, auf der niemand zu sehen ist, übermalen und das Bild ist sauber.
Eine weitere Möglichkeit ist auch, Bilder von Sternenspuren oder die Milchstraße in einer Aufnahme zu machen und den Vordergrund – das Gebäude oder die Berge o. ä. – mit einer extremen Langzeitbelichtung (mehrere Minuten) zu fotografieren und dann beides zu kombinieren. So vermeidet man den Einsatz von Lampen, um den Vordergrund aufzuhellen und alle Bildteile zeigen nur das tatsächlich vorhanden Umgebungslicht.

Der Hintergrund besteht aus ca. 40 Bildern mit 25 Sekunden Belichtungszeit für die Sternspuren und der Vordergrund mit der Kapelle wurde ca. 6 Minuten belichtet, um das Gebäude vom Restlicht der Umgebung sichtbar werden zu lassen.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt – solange man beim Zusammensetzen darauf achtet, dass die Bilder gut übereinander passen. So lassen sich zeitlich völlig verschiedene Momente zu einem Bild zusammenfügen.

Ich wünsche Euch viele Ideen und zum Fotografieren allzeit gutes Licht.

Werner Kutter