Am Scheideweg

Früher oder später ist es bei jedem soweit. Man stellt fest, dass man auf der Stelle tritt und sich nicht mehr so recht motivieren kann. Die anfänglichen Fortschritte werden kleiner und durch das ganze Wissen, welches man sich angeeignet hat, wird die Messlatte für die eigenen Bilder immer höher gelegt. Man hat die Anfängerfehler hinter sich gelassen. Du fotografierst nicht mehr nur auf Augenhöhe (fast alle Anfänger schießen alle ihre Fotos aus ein und der selben Position: Hinstehen, Kamera vor’s Gesicht und abdrücken), legst Dich auch mal hin, gehst wenigstens in die Hocke oder steigst irgendwo drauf um eine neue Position und eine nicht alltägliche Perspektive zu finden. Und jetzt hast Du den Eindruck, dass die Bilder eher schlechter anstatt besser werden.

Ich habe das alles auch durch gemacht. Höhen und Tiefen wechslen sich ab. Ich habe gelesen, Videos geschaut und immer gedacht: So tolle Bilder möchte ich auch mal machen. Je mehr Theorie man sich aneignet, um so mehr steigt der Anspruch und um so enttäuschter ist man, wenn man den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Das ist ganz normal! Wenn wir erst mal anfangen uns zu verbessern, kommt automatisch auch ein Punkt, an dem wir glauben, dass es nicht mehr weiter voran geht.

Zuerst einmal muss man wissen, dass auch die besten der Besten nicht „Das Eine Foto“ einfach so im Vorübergehen schießen. Oft sind tage- und monatelange Vorbereitungen und stundenlanges Probieren und Justieren dem eigentlichen Bild voraus gegangen. Von tausenden „Versuchen“ kommt vielleicht nur ein Top-Bild zustande. Man muss erheblich mehr Fotos machen, um ein gutes Bild zu erhalten. Und das geht uns allen so – auch den bestbezahlten Profifotografen! Dessen muss man sich erst mal bewusst werden und darüber wird viel zu selten geschrieben.

Man braucht viel Geduld, denn wenn man sich zurück erinnert, wird man feststellen, dass wir z. B, das Rechnen auch nicht innerhalb eines Wochenendes gelernt haben. Wir sind alle o um die 10, 12 Jahre zur Schule gegangen und haben immer wieder gelernt, geübt und  wiederholt, bis wir schließlich die Prüfung geschafft haben. Warum also glauben wir, dass eine teure Kamera uns über Nacht zum Starfotografen macht? Ja, es bedarf des Lernens und vielleicht auch ein bisschen Arbeit, um sich die Fähigkeiten anzueignen. Die wenigsten sind so große Talente, dass über Nacht die ganz großen Aufträge kommen und diese erfolgreich abgearbeitet werden können.
Ich „gönne“ mir beispielsweise jedes Jahr einen VHS-Fotoworkshop. Der kostet nicht die Welt, bringt aber immer neuen Input und Kontakte zu Menschen, die auch gerne fotografieren. Zur Zeit schaue ich mich  nach einer Fotoreise nach Island um. Ich weiß, dass ich da noch eine Weile sparen muss, aber ich habe mir vorgenommen jetzt lieber darauf zu sparen, als eine neue Kamera zu kaufen.

Eine teure Kanera macht aus einem alten,hässlichen Haus auch kein Empire State Building. Das Haus bleibt hässlich und alt, egal wieviel ich für meine Ausrüstung und Ausbildung ausgebe. Ich muss schon auch zu den tollen Orten gehen, um die tollen Bilder zu bekommen.
Hört auf, immer mehr Zubehör oder immer neuere und vermeindlich bessere Kameras zu kaufen. Investiere in Fotografie nicht in Material zum Fotografieren. Geh raus und fotografiere!
Anstatt in Kameras und Objektive zu investieren, geb‘ das Geld lieber dafür aus, zu interessanten Orten zu reisen. Joe McNally hat einmal gesagt: If you want to photograph more interesting things you have to stay in front of more interesting things. Verlasse die Komfortzone – geh raus – reise – erlebe was. Die Niagarafälle kann man hier zu Lande nun mal nicht vom Wohnzimmerfenster aus fotografieren! Da muss man schon nach Nordamerika. Es muss ja nicht gleich eine Weltreise sein – der nächste Sonnenaufgang an einem Weiher in Deiner Umgebung hat auch einen großen Reiz.

Sei Dir bewusst, dass gerade in der Landschaftsfotografie die besten Bilder nur früh am Morgen oder Abends bei oder nach Sonnenuntergang entstehen werden. Das ist das harte Los, aber es lohnt sich.

Ich werde nie das unbeschreibliche Kribbeln vergessen, dass mich bei meinem ersten Sonnenaufgangs-Shooting in Österreich am Mondsee beschlich. Als die ersten Sonnenstrahlen an den Berghängen entlang sich Richtung See aufmachten, mir den neuen Tag zu bringen und das dunkle Blau der Nacht zu vertreiben – da bekomme ich heute noch Gänsehaut.

Und irgendwann kommt dann der Tag, an dem Du mit Deiner Art der Fotografie und Bearbeitung zufrieden bist. Du fragst Dich nicht mehr, ob Du alles richtig machst, wie in den Lehrbüchern beschrieben oder wie diie Anderen immer sagen. Nein, Du bist so zufrieden,  so wie Du es machst. Denn Du hast Deinen eigenen Stil entwickelt und bist jetzt genau so gut, wie Du immer sein wolltest.

In diesem Sinne wünsche ich mir, dass Ihr die Zeit nutzt, um mehr zum fotografieren zu gehen und wünsche Euch für diese Vorhaben wie immer allzeit gutes Licht!

Werner Kutter

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