Gestaltungsregeln in der Fotografie – Teil 1

In der Fotografie gibt es, wie überall, bestimmte Regel, die ein Bild sehenswert machen. Regeln des Design,
Regeln sind da, um gebrochen zu werden. Aber um diese zu brechen, muss man erst mal wissen, das diese existiert.

Das Motiv
Zu aller erst konzentrieren wir uns auf das Motiv selbst. Wir sollten uns bei jedem Klick fragen, ist das, was ich zeigen möchte gut sichtbar? Manchmal neigen wir dazu viel zu viel in ein Bild hineinpacken zu wollen. Das Ergebnis ist dann ein Bild, welches entweder überladen ist, oder das Wesentliche in seiner Umgebung verschwindet. Wir sind vor Ort und wissen, was uns in diesem Moment wichtig war. Der Betrachter war nicht dabei und kann unsere Gedanken nicht lesen. Wenn ein Bild eine Erklärung benötigt, damit es verstanden wird, ist es nicht gut!
In dem Foto ist eine Landschaft zu sehen, der Holz Ball in der Mitte stört eher, als das man darauf kommt, dass dieser das eigentliche Motiv ist.

Den Rahmen füllen – mit dem was wichtig ist. Ein berühmter Lehrsatz der Fotografie ist: Wenn das Bild nicht gut ist, warst Du nicht nahe genug dran. Ein Bild ist nicht dann vollkommen, wenn alles drin ist – ein Bild ist dann gut, wenn nichts mehr weggelassen werden kann. Beschränken wir uns also auf das Wesentliche und bringen dieses bestmöglich zur Geltung.

So lenkt nichts davon ab – die Holzkugel ist definitiv das Motiv. Doch wie und wo soll die Kugel im Bild erscheinen? Das bringt uns zu der Jahrtausend-Regel:

Die Drittel-Regel oder die Sage vom goldenen Schntt
Die Drittel-Regel ist definitiv einfacher zu erklären und zu verstehen, als die, zugegebenermaßen technisch richtigere, Regel vom goldenen Schnitt. Da sich diese bereits aus der Antike überliefern lässt, habe ich sie, respektlos, in der Überschrift als „Sage“ tituliert. Sie ist mehr als das. Sie ist die alte, überlieferte Weisheit, was das menschliche Auge als spannend, interessant wahrnimmt. Rein theoretisch lässt sich diese Regel laut Wikipedia so erklären: Als Goldener Schnitt wird das Teilungsverhältnis einer Strecke bezeichnet, bei dem das Verhältnis des Ganzen zu seinem größeren Teil dem Verhältnis des größeren zum kleineren Teil entspricht.

In diesem Bild ist das Motiv mittig platziert, rechts und links davon passiert nichts Interessantes – insgesamt ein langweiliges Bild ohne gewisses Etwas.

Soweit die graue Theorie – in der Praxis hat keiner Maßband und Taschenrechner dabei, um die Gleichung (a+b)/a = a/b aufzulösen. Aber es ist, denke ich, gut, einmal davon gehört zu haben. Viel einfacher ist es, sich vorzustellen, dass das Bild durch 2 senkrechte und 2 waagrechte Linien in 9 gleich große Teile aufgeteilt wird. Bei den meisten Kameras lässt sich dieses Raster im Live-View auf dem Monitor oder auch im Sucher einblenden. So lässt sich bereits vor Ort die Komposition optimal ausrichten. Optimal wäre dann, wenn das Objekt der Begierde sich an einem Schnittpunkt der Linien befindet. So wie hier der Holz Ball jetzt mehr zum linken Rand ausgerichtet wurde und das Bild jetzt ein wenig mehr Dynamik erhält.

In der Landschaftsfotografie sind die waagrechten Linien wichtig für die Bildaufteilung in Land/Himmel. Nach Möglichkeit lässt man die Horizontlinie nie in der Mitte verlaufen, sondern teilt man das Bild immer in 1/3 zu 2/3. Ist der Himmel uninteressant, so wird er nicht mehr als das obere Drittel des Bildes ausmachen. Ist der Himmel dramatisch, die Wolken mega angeleuchtet, so darf er auch mal zwei Drittel des Bildes ausmachen. Das vielleicht einzige Mal, an dem die Horizontlinie mittig ausgerichtet gehört, ist bei Spiegelungen. Wenn sich z. B. ein Berg im ruhigen Wasser eines Bergsees spiegelt, dann kann die Symmetrie der Szene natürlich durch eine mittige Anordnung betont werden.

Der Einsatz der Blende als Stilmittel
Die Kombination aus Blende, Verschlusszeit und ISO-Wert beeinflusst maßgeblich die Belichtung des Bildes. Je größer die Blendenzahl, umso kleiner die Blendenöffnung, umso länger muss belichtet werden oder empfindlicher (hohe ISO) muss der Sensor eingestellt werden, um zum gleichen Ergebnis zu kommen.

Mit der Blende kann aber auch die Bildaussage verändert werden. Das Auge geht zuerst zum hellsten oder schärfsten Teil des Bildes. Über die Blendenöffnung können wir schön steuern was und wieviel scharf abgebildet wird.
Eine kleine Blendenzahl bedeutet dass die Blende weit geöffnet ist. Im Beispiel habe ich Blende 3,5 eingestellt und auf die erste Stele scharf gestellt.
 Nur diese wird scharf abgebildet, der Bereich dahinter ist unscharf. Wird nun die Blende geschlossen, wie etwa im zweiten Bild auf Blende 9, dann wird der scharf gestellte Bereich größer.

Schließen wir die Blende noch weiter, im Beispiel auf Blende 22, wird alles scharf – sogar die Schrift auf dem großen Stein im Hintergrund wird lesbar.

So können wir wunderbar das Auge des Betrachters lenken. Wichtig ist, dass der Teil, der die Bildaussage trägt, scharf ist so dass das Auge gleicht erkennen kann, was das eigentliche Motiv ist. In der Portraitfotografie gelten andere Maßstäbe, als in der Landschaftsfotografien.
Bei den Portraits liegt die Gewichtung auf der Person. Nach Möglichkeit soll hier auf das Auge scharf gestellt werden – dann wird das Foto als gut angesehen. Der Hintergrund hinter der Person ist unwichtig und soll möglichst in Unschärfe verschwinden. Also müssen wir mit weit offener Blende fotografieren, damit möglichst wenig scharf abgebildet ist.
In der Landschaftsfotografie möchten wir gerne sehr viel scharf sehen. Von der Blume im Vordergrund bis zum Sonnenuntergang im Hintergrund wollen wir möglichst eine durchgehende Schärfe erzielen. Hierzu fotografieren wir mit einer geschlossenen Blende (große Blendenzahl).

Die Perspektive
Durch die Wahl der Perspektive ändert sich die Bildaussage oft dramatisch. In der Fotografie ist bei vielen die Abbildung eines allein stehenden Baumes ein regelrechter Kult.

Auf diesen Baum bin ich zugelaufen und während ich näher kam, änderte sich die Perspektive und auch das, was ich vermeintlich zu sehen glaubte. Es handelte sich nämlich nicht um einen Baum, sondern um 2, die je nach Standort aussahen, als ob sie eins wären.
Genau betrachtet kann man auch sagen, dass es immer mehr als ein Bild gibt – egal was fotografiert wird. Mit einer Standortänderung oder auch nur mit einem kleinen Schwenk der Kamera tun sich oft ganz neue Ansichten auf. Manchmal steckt ein komplett neues Foto in einer Ansicht, wenn wir von Quer- auf Hochformat schwenken, manchmal wenn wir nur einen Schritt zur Seite gehen.
In der Praxis bedeutet dies, dass man auch mal andere Wege gehen sollte. Warum nicht mal auf den Boden liegen und aus der Froschperspektive schießen? Warum nicht mal in die Hocke gehen oder auf eine Leiter steigen. Jede Perspektive ist interessanter als die Sicht aus der gewohnten Augenhöhe!

Nächste Woche geht es weiter mit Teil 2 der Grundlagen über die Gestaltungsregeln in der Fotografie. Bis dahin wünsche ich Euch allen wie gewohnt allzeit gutes Licht!

Werner Kutter

 

 

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